Grosser Endpurt für Samuels Zuhause
Ein Mann gerät in der Ukraine zwischen die Fronten
– In Hallau baut man ihm eine Unterkunft
Beatrix Bächtold | Mittwoch, 1. Okt. 2025

Ein 71-jähriger Armenier geriet in der Ukraine zwischen die Fronten und musste in einer Abstellkammer unterkommen. Das wollen ein paar Hallauer ändern und haben ihm ein Zuhause gebaut. Bald fährt die grosse Fracht in die Ukraine.
Samstagnachmittag, Pastor Mathias «Matze» Koch von der evangelischen Freikirche Chrischona Hallau steht mit einem Akkuschrauber in der Hand auf einer Leiter. Ein Helfer reicht ihm die Schrauben. Koch dreht sie in die
vorgebohrten Löcher der Verschalung. Es ist die letzte der vier Wände, die jetzt fertig isoliert ist und mit grundierten Brettern verkleidet wird. Um ihn herum spielen Kinder. Eine Frau schleppt Balken.
Viel ist passiert, seit der ausgemusterte Schiffscontainer vor drei Monaten hier in Hallau ankam. Mittlerweile ist der ehemalige Haufen Rost auf bestem Wege, zu einem gemütlichen Zuhause zu werden. Die massive Eingangstüre steht offen. Die Wände sind weiss gestrichen. Den modernen Bodenbelag deckt eine Folie ab. Im Badezimmer erkennt man schon die Anschlüsse für Waschbecken und WC. Die Brausewanne ist gelegt. Eine einfache Küche ist am Entstehen.
Hier hinter einer Trennwand kommt einmal das Bett hin. Man kann es sich jetzt schon richtig vorstellen. Alles ist einfach, zweckmässig, funktional. Jemand ruft: «Es ist noch Kaffee da!»
Grosse Post für Samuel
Der Container ist für Samuel, den 71-jährigen Flüchtling aus Armenien, der in der Ukraine zwischen die Fronten geriet. Bei einer Familie in der Nähe von Kiew fand er provisorisch Unterschlupf in der Ecke eines Abstellraums. Fotos in
der Werkstatt zeigen ihn und seine Situation. Jetzt, kurz vor dem Winter, soll sich diese Situation ändern: Ein eigenes Dach über dem Kopf inklusive Schwedenöfeli wird er erhalten. Ansprechpartner in der Ukraine ist die Organisation «Ukraine for Christ», die Samuel aufgespürt hat. Mit den Verhältnissen bekannt und vernetzt, kümmert sie sich um Bewilligungen, Anschlüsse, Formalitäten und hält den Kontakt zur Schweizer Partnerorganisation Gain aufrecht.
So schaute der Container am 16. Juni 2025 aus. Bild Beatrix Bächtold
«Da liegt ein Segen drauf»
Für das Projekt haben sich die Chrischona Hallau und das Global Aid Network (Gain) Switzerland zusammengetan.
«To gain» heisst auf Deutsch gewinnen. Gain Switzerland ist aktuell unter anderem in Albanien, Afghanistan und Griechenland aktiv.
«Wenn Menschen zusammenstehen, gewinnen Helfer und Begünstigte. Die einen eine Perspektive, die anderen neue Erfahrungen»
sagt Gain-Projektleiter Andreas Keller.
Hinten auf seinem T-Shirt steht «Team», vorne ist «Ein Container, ein Zuhause» zu lesen. Die Zusammenarbeit mit der Kirche habe sich bewährt, sagt er. «Hier trifft man verschiedene Generationen mit verschiedenen Berufen und
grundsätzlich der Bereitschaft, etwas Gutes zu tun», erklärt er. Beim aktuellen Projekt sei er als Hallauer so etwas wie ein Vermittler zwischen Chrischona und Gain.
Die Geschichte mit dem Container ist in der Schweiz ein Pilotprojekt. Und während er erzählt, dass gemeinsames Engagement für eine gute Sache einfach guttue und Freude mache, gehen Matze die Schrauben aus. Er steigt von der Leiter, streckt sich und schaut sich um. «Schön ist es geworden», sagt er. Auf seinem linken Arm steht gross tätowiert «Soli Deo Gloria», «Gott allein die Ehre». Er nimmt einen Schluck Wasser; wischt sich mit der Hand über die nasse Stirn. «Dieser Container macht Glauben sichtbar. Das finde ich richtig cool. Da liegt ein Segen drauf. Segen für Samuel und Segen für uns. Da bin ich ganz sicher», sagt er.
Attraktion am Hallauer Herbstfest
Ursprünglich kostete der rostige Container 1000 Franken inklusive Transport von Deutschland in die Schweiz. Mittlerweile ist aus ihm ein Zuhause geworden. Nur noch Detailarbeiten stehen an. Man ist im Endspurt. Von den Abläufen her liegt man einigermassen im Plan. Das Projektteam Lukas Hallauer, René Rüedi, Tirza Müller, Michael Mäder und Andreas Keller freut das.
Mitgewirkt haben an die 50 Menschen jeden Alters, die in ihrer Freizeit, meistens am Samstag, im Einsatz waren. Vom Knirps Gian, der holte, brachte und unermüdlich Malbücher ausmalte, bis hin zu seinem Grosi Sabine Müller aus Osterfingen, die heute 20 Portionen Teigwarensalat aus ihrer Küche auf
den Bauplatz auf dem Gelände der Christenholz AG lieferte.
Lokale Unternehmen haben Material zu Spezialkonditionen und gratis Knowhow beigesteuert. Im Moment sind 80 Prozent der gut 20’000 benötigten Franken vorhanden. Und wenn am Schluss noch eine Finanzierungslücke klaffe?
«Das wird sicher nicht passieren. Da bin ich ganz zuversichtlich», sagt Andreas Keller. Kommendes Wochenende ist handwerklicher Endspurt. Die Containerhülle soll bis dann fertig sein, und die Fenster sollen glänzen. Offiziell war am 27. September der letzte Arbeitstag. Am Hallauer Herbstfest vom 3. bis 5. Oktober kann man den fertigen Wohncontainer besichtigen, bevor ihn Lukas Hallauer mit dem Sattelschlepper in die Ukraine transportiert.



